Bildgeschichten

NAH AM WASSER GEBAUT

Ich bin mal wieder wandern. Heute wanderte ich auf einem Weg an einem Fluss entlang. Und da entdeckte ich eine schöne Schaukel direkt am Fluss unter einem Baum. Jemand hatte sich richtig Mühe gegeben, diese so nah am Wasser zu bauen. Ich freute mich, setzte mich, holte Schwung und schaukelte. Ich schaute in den Baum über mir und hörte Kinderstimmen, die sich näherten. 

Und schwupps, schon bremste das erste Fahrrad neben mir oberhalb auf dem Weg. Das Mädchen schaute mir zu. „Hast Du die Schaukel aufgehängt?“ fragte sie mich. Ich sagte, dass ich es nicht war und auch nicht weiß, wer es war, aber das ich das ganz toll finde Vier weitere Kinder bremsten auf ihren Fahrrädern. Ich fragte das Mädchen: „Willst Du auch mal?“. Das „Ja“ war dieses spontane Kinder-Ja, bei dem der ganze Körper „JAAA!“ sagt. Und schon lag ihr Fahrrad auf der Seite. Ich gab die Schaukel frei und sie kletterte ohne meine Hilfe auf den Sitz, der ein bisschen hoch war. Und los ging es. Auch bei den anderen Kindern war nun kein Halten mehr und sie kamen runter zur Schaukel. Es wurde eng und ich stieg nach oben auf dem Weg, auf dem nun auch eine Frau mit Rad geduldig auf die Kinder wartete. Wir schauten beide den Kindern zu und ich genoß diese Freude. Ja, ich konnte mich mit den Kindern freuen.

Ich dachte an meine Kinder und um etwas zu sagen, fragte ich spielerisch erstaunt: „Sind das alles Ihre?“. „Nein“ war die Antwort der Frau, „wir sind aus dem Kinderheim. Sie sind alle Heimkinder“. – Wie ein Satz mein ganzes Erleben verändert… Ich weiß nicht, warum mich es so aus der realen Situation heraus reißt. Ein innerer Vorstellungsfilm raste durch, ohne dass ich einzelne Bilder sah. Ich habe gar kein echtes Heim-Erleben. Ich bin mit Eltern aufgewachsen und wir kommen gut klar. Meine Kids sind sehr wichtig für mich, genauso wie ihre Mütter. Aber die Vorstellung, dass ein Kind ohne Eltern in einem Heim aufwächst, macht mich hilflos, traurig und schwer. Sofort hatte ich einen Kloß im Hals. Die Tränen drückten von innen. Das fand ich selber doof, da ich den Kindern gern genauso unbeschwert wie am Anfang begegnet wäre. Ich fühlte mich in und mit meinen Reaktionen gefangen. Da stand ich nun, schaute still auf die schaukelnden Kinder und war unfähig, meine Unbeschwertheit wieder zu finden. Die Kinder tauschten ohne Streit und freuten sich weiterhin an der Schaukel. Ich wechselte zum Abschied noch ein paar höfliche Worte mit der Frau. Ich drehte mich um, gab dabei meinem inneren Druck nach und ließ beim Weggehen meine Tränen einfach laufen… Ja, ich weinte auch über meine Hilflosigkeit.

Frank Breyer