Sich begegnen ist lebendige Wechselwirkung

Wechselwirkungen sind so etwas wie die Effekte, die Mond und Erde aufeinander haben. Diese Effekte sind beidseitig und gleichzeitig. Wenn etwas lebendig ist, wirkt sehr viel gleichzeitig und dass fortlaufend. Das nennen wir auch komplex. In meiner Arbeit geht es darum, das Komplexe einfach und erfahrbar zu machen. Um Gleichzeitiges leichter zu verstehen hilft ein Nacheinander, zum Beispiel aus Geschichten, Bildern und Übungen. Nacheinander Geübtes können wir wieder zeitgleich anwenden und das fortlaufend. So haben wir erst gehen und dann reden gelernt und tun es problemlos gleichzeitig.

Mir selbst gibt jeder berührende Moment einer Begegnung, jeder inspirierende Austausch, jeder geklärte Konflikt ein angenehmes Gefühl. Und das oft auch mehrmals am Tag. Das ist meine tägliche Wertschöpfung, mein häufiges kleines Glück. Dafür brauche ich nur mich und etwas mehr von mir als nur Worte…

EINE BEGEGNUNG:  VIELE WORTE

Ich sitze im Taxi, mein Telefon in der Hand um noch eine Nachricht zu schreiben… Parallel läuft ein Geplauder mit dem Fahrer, ein untersetzter Berliner im Rentenalter. Er erzählt mir, dass er vor 2 Tagen aus den USA zurück ist. Er hat seine Tochter besucht, die er 20 Jahre nicht gesehen hat. Ich bin hellhörig und beuge mich nach vorn. „Zwaaanzig Jahre? Wie kam das?“ # „Sie hat sich damals jetrennt, is wechjezogen und hat mene Adresse irjendwie verloren. Ick hab se über die Botschaft imma wieder jesucht. Nüscht. Uffm Fluchhafen sind wa 3 Stunden anenander vorbei jelofen, weil wa uns nich mehr erkannt habn.“ # Ich bin emotional total wach. Was für eine Geschichte. Der Kontakt weg. Nicht mehr wissen, ob es ihr gut geht, ob sie lebt. Er erzählte mir wie er immer wieder bei der Botschaft war. Viele Jahre nichts und dann …das Lebenszeichen! Ich frage wie es ihm ging, wie es war als der Kontakt wieder kam. Und ich erfahre viele kleine amerikanische Faktengeschichten, aber nichts, wirklich absolut nichts darüber wie oder was er empfand. Wir kommen meinem Ziel näher, ich bin hungrig nach Gefühlen und will es wissen: „Und als Sie sich erkannt haben? Sind Sie sich in die Arme gefallen? Das muss doch ein besonderer Moment gewesen sein?“ # „Wissen Se, sie hat mit dem Rochen uffjehört vor 6 Jahrn. Kleen war se schon immer. Is dick jeworden. Jetzt könnse se fast rollen. Ick weß och woran det liegt, wenn ick mir ankucke wat die zum Frühstück essen.“ # Während er über das amerikanische Frühstück und das dick werden redet, zahle ich leicht frustriert und steige emotional unterernährt aus. Ich brauche was Süßes und ahne warum seine Tochter die Adresse verloren hat!

EINE BEGEGENUNG: FAST OHNE WORTE

Mehrere Tische vor einem Ladencafé mit Selbstbedienung. Ein breiter Gehsteig hält das Trubelige der Straße etwas fern. Eine Familie kommt: Eltern, Großeltern und ein kleiner Junge auf dem Laufrad. Sie verteilen sich um einen der Tische und die Erwachsenen sprechen auf Französisch vermutlich über das was sie holen wollen. Mama und Großmama streben in den Laden, der Junge ruft und rennt holperig tapsend hinterher. Dabei versucht er etwas zu sagen und bleibt immer bei der ersten Silbe stecken… „AM…AM…AM…AM“. Mama und Großmama bleiben stehen und der Junge versucht es weiterhin „…AM…AM…AM“ – mit aller Kraft  „…AM…AM…AM“. Er strengt sich an. Noch mehr. Er streckt sich. Die Augen werden größer. Inzwischen hat er die Aufmerksamkeit aller Gäste. Alles an ihm zeigt eine Erinnerung befriedigender Gefühle an etwas was er wieder haben möchte. Seine Gefühle sind schneller als seine Ordnung der Wörter „…AM…AM…AM…“. Die Hände zeigen zu Oma und sie scheint ihn jenseits der Silben zu verstehen. Sie beugt sich herunter, streicht seinen Kopf, und sagt ein paar Worte. Der Junge nickt. Nickt nochmal mit dem ganzen Körper … alles an ihm entspannt sich … und mit ihm alle anderen Gäste. Seine Arme fallen herunter und zufrieden geht er zum Tisch zurück.

Der Taxifahrer sorgt sich, gibt nicht auf und reist hin. Sicherlich fühlt und empfindet er und doch fehlte für mich in der Begegnung etwas – etwas was vielleicht auch seine Tochter vermisst. Es ist schwer beschreibbar und doch wichtig. Es ist das, was sich im Kontakt des kleinen Jungen mit seiner Großmutter zeigte. Das fühlbare Verbindende, der Kontakt selbst ist ein Fundament für eine Verständigung mit mir & anderen. So wie beim Telefonieren: Ist die Verbindung schlecht, ist die Verständigung schwierig. Mehr Kontakt verbessert das Fließen von Energie und erleichtert den Austausch. Im Kontakt sein spart Kraft und Energie. Das lässt sich auch in anderen naturgegebenen Austauschprozessen beobachten:

SICH VERSTÄNDIGEN IST EIN BISSCHEN WIE FLIEGEN

Fliegen ist ein Schwebeakt. Damit ich schwebe, brauche ich einen permanenten Kontakt zur Strömung – sonst falle ich. Ein Vogel fühlt den Kontakt zur Strömung und ist intuitiv in seinen Flugbewegungen. Mit einem leichten Segelflugdrachen kann ich ähnlich wie ein Vogel fliegen. Dabei bin ich mit vielen Sinnen im Kontakt mit meiner Umgebung und nutze die natürlichen Kräfte. Ich fühle Wind, Strömung und beobachte die Thermik. Meine Sinne verarbeiten verschiedenes gleichzeitig. Sehen, Hören, Fühlen, … Meine parallele Fühlwahrnehmung ist eine wortlose Verständigung. Sie ermöglicht mir einen umfassenden Kontakt mit meiner Umwelt und so fliege ich mit zunehmender Übung intuitiv wie ein Vogel …. ohne zusätzliche Motorkraft. Gleichzeitig ist der ganze Flug ein bereicherndes Sinneserlebnis in dem ich fortlaufend intuitiv lerne.

Meine Arbeit orientiert sich am Fliegen wie ein Vogel. Um so fliegen zu können, nutze ich drei Wechselwirkungen: Gravitation, Strömungslehre und Thermodynamik. Durch die bewusste Nutzung jeder Wechselwirkung vergrößere ich meinen Flugraum. Ich erweitere mein Erleben des Fliegens. Ich erlebe mehr, weil ich mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten habe, umfassender das Vorhandene zu nutzen. Ähnlich ist das im sich begegnen und verständigen: Ich nutze mehr von meinen natürlichen Fähigkeiten und erlebe mehr Wertschöpfung im Austausch mit mir und anderen.

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RAUM FÜR VERSTÄNDIGUNG

Beim Fliegen wird meine Umgebung durch die Wechselwirkungen immer wieder neu gestaltet. Auch in der menschlichen Verständigung gibt es Wechselwirkungen und diese nenne ich Liebe, Macht und Freiheit. So wie Vögel intuitiv Gravitation, Strömung und Thermik nutzen, haben wir natürliche Fähigkeiten um Liebe, Macht und Freiheit zu erleben und anzuwenden. Nur anders als beim Fliegen, gestalte ich selbst auch die Umgebung mit diesen Wechselwirkungen. Ich forme meinen persönlichen Raum für Verständigung. Kommen mehrere Menschen zusammen, begegnen sich sozusagen verschiedene Verständigungsumgebungen und ko-kreieren gemeinsame Räume. Und das permanent, auch wenn es manchmal nicht so scheint. So hilft das Modell des Verständigungsraums auch bei der Interaktion, wenn sich mein Gegenüber dem Austausch verweigert, wie z.B. in der Verständigung zwischen getrennten Eltern.

In meinem Wirken geht es darum, die eigenen Verständigungsräume bewusst wahrzunehmen und zu gestalten. Zusätzlich unterstütze ich Sie, ihre natürlichen Fähigkeiten zur Verständigung zu erfahren, zu entfalten und ihr Vertrauen in diese zu stärken. Auf diese Weise erweitern Sie Ihren Raum für Austausch mit sich, anderen und dem Leben. So erleben Sie mehr bewusst von dem was schon da ist. Mehr Raum bedeutet auch mehr Fläche für Kontakt . Und mehr Kontakt, Sie erinnern sich…, erleichtert den Austausch. Sich verständigen wird einfacher…