Wissenschaftliches & Persönliches

Es gibt eine wissenschaftliche Studie, die seit dem Jahr 1938 über 700 Menschen ein ganzes Leben begleitete um zu untersuchen, was relevant für Glück und Gesundheit ist. Der Vortrag dauert ca. 12 Minuten, ist sehr sehenswert und kann hier gleich angeschaut werden (ggf. Untertitel in Deutsch einschalten).

Die Zusammenfassung der Studie: Die Qualität guter persönlicher Beziehungen, auch in der Partnerschaft, sind der Schlüssel für Glück und Gesundheit, nicht Reichtum oder Ruhm oder sonstiges. Und nun? Seit einigen Jahren sind diese wissenschaftlichen Ergebnisse bekannt. Unsere sachliche Ratio müsste dafür sorgen, dass alle Menschen ihr Leben entsprechend ausrichten, dass diese wissenschaftlichen Fakten direkt in unsere Bildung, Gesundheit, Politik, Wirtschaft usw. integriert werden.

Dass dies nicht geschieht, scheint mir sehr menschlich. Auch ich bin der lebendige Beweis für die mangelnde Fähigkeit wissenschaftlicher Informationen, mein Leben zu verändern. Meine persönlichen Erfahrungen, nicht die Studie, waren die Auslöser, mich der Verständigung in Beziehungen zu widmen. Wissen reicht nicht, gewohntes Verhalten zu verändern. Nicht bei mir und auch nicht bei anderen.

Wissen und Veränderungs- bzw. Bewahrungskräfte

Die schönste und einfachste Art ist, wenn mich etwas begeistert. Oder mein (soziales) Umfeld beeinflusst mich mit seinen Energien. Ich habe mal im Urlaub mit dem Rauchen aufgehört, weil erstens meine Begleitung auch nicht mehr rauchte und zweitens ich mir mit meinen Zigarettenkippen an diesem schönen Karibikstrand ziemlich doof vorkam. Meine Gefühle und Emotionen erlebe ich als Kräfte der Veränderung oder auch des Bewahrens.

Ich kenne viele Situationen, in denen mir meine Gefühle nicht oder nur teilweise bewusst sind. Das geschieht oft, wenn ich diese Gefühle nicht mag oder nicht mit ihnen umgehen kann. Angst vor der Angst oder anderen Gefühlen sind häufige Hindernisse, gewohntes Denken und Verhalten zu verändern. Meine Angst ist dann sehr trickreich, meine eigenen Widersprüche entweder nicht zu sehen oder diese auf andere zu projizieren.

Die Angst ist unser wichtigster Wegweiser auf der Suche nach einem gelingenden Leben.

Gerald Hüther, „Wege aus der Angst“; 2020

Ich kann mir viele meiner Bewahrungstricks psychologisch erklären. Unsere heutige Wissensgesellschaft liefert sehr viele Publikationen dafür. Aber diese Erklärungen spenden mir nicht die Energie, die ich brauche. Im Gegenteil: Ich werde passiver, weil mein Denken eine Antwort hat. Und ich habe den Eindruck, dass ich meine Macht an jene abgebe, die ich mit ihren Erklärungen als „Experten“ akzeptiere.

Mein Streben nach Wissen ist auch verbunden mit einer Sehnsucht nach etwas Verlässlichem, was mir das Leben mit Freude und Leiden erklärt. Ich kann rechnen und schreiben und fühle mich damit sicher. Aber meine ständig veränderlichen Gefühle, Gedanken und Triebe? Gerade weil das alles so unberechenbar und wandelbar ist, bin ich unsicher. Kann mir die Wissenschaft nicht helfen, besser mit all meinen Emotionen usw. umzugehen?

Wissenschaft wird von Menschen gemacht…

Bestimmt können wir wissenschaftlich da eine Menge erreichen. Aus meiner Sicht gibt es jedoch Hindernisse: So z.B. die Idealisierung einer sachlichen objektiven Sicht, oft auch genannt „Wahrheit“ bei gleichzeitiger Geringschätzung subjektiver Emotionalität. Die Wissenschaftsgeschichte zeigt viele Beispiele, bei denen die Arbeit junger Forscher von (älteren) Professoren als unsachlich/unwahr usw. abgelehnt wurde, obwohl diese sich später als das bessere Erklärungsmodell durchsetzten.

Meine Erfahrung dazu ist: Wenn ich mich lange und umfassend mit einem Thema beschäftige, entwickle ich das Gefühl, dass ich etwas weiß. Für diese Kompetenz habe ich etwas von mir gegeben und sei es „nur“ Lebenszeit. Dieses angeeignete Wissen wird Teil meiner Persönlichkeit. Wenn dieses Wissen nicht mehr richtig sein soll, dann ist das für mich so, als wäre ICH nicht mehr richtig. Ich habe die Perspektive „Ich werde persönlich angegriffen!“. Ich kenne bei mir auch Gefühle von Ungerechtigkeit und Neid, wenn jüngere Menschen leichter oder schneller etwas erreichen, wofür ich jahrelang gerungen habe. Ging es den Professoren vielleicht ähnlich wie mir?

Wir irren uns empor.

Gerhard Vollmer oder Harald Lesch oder …?

Ich-Offenbarungen sind in der akademischen Welt schwer zu finden. Wissenschaftler*innen sind Menschen mit Gefühlen, Trieben und vielem Menschlichem mehr. Warum all dies heraus-idealisieren? Gerade, wenn es um die Erforschung des Lebendigen geht, empfinde ich diesen Anspruch überaltert. Die o.g. wissenschaftliche Harvard-Studie bezieht sich nur auf Männer und im Jahr 1938 waren kaum Frauen in der Wissenschaft vertreten. Beides ist aus heutiger Sicht schwer verständlich.

Ich plädiere dafür, dass jeder schulische oder akademische Weg auch die Selbsterforschung beinhalten sollte. Warum möchte ich das? Eine bekennende persönliche Perspektive erleichtert aus meiner Erfahrung wesentlich den Austausch und öffnet mehr Möglichkeiten, der Einigung und Kokreation. Von mir und über mich zu sprechen, mich mit meinen Wünschen und Bedürfnissen zu zeigen ist, vielleicht ungewohnt, aber lernbar wie Fahrrad fahren.

Mein(e) eigene(r) Experte*In

Ich bin das was am meisten Zeit mit mir verbringt und kann daher von mir gut erforscht werden. Dafür brauche ich all meine Sinne, meine Emotionen und Gefühle sowie mein Denken mit der Bereitschaft „nicht-zu-wissen“. Es hilft, so ehrlich wie möglich mit mir zu sein, gerade mit den Widersprüchen zwischen meinem Anspruch an mich und dem was ich real beobachte. Mein Bewusstsein wächst gerade dann, wenn etwas irritiert.

Wichtig in der Selbsterforschung ist aus meiner Sicht der ganzheitliche Weg. ALLE Gefühle, Gedanken und Neigungen gehören dazu und sind Ressourcen für Leben lernen. Selbsterforschung braucht auch andere als Spiegel, immer wieder und immer wieder aufs Neue. Es gibt Bücher und Beiträge, die mich in der Selbsterforschung unterstützen. Dabei helfen mir die Beiträge mehr, in denen sich die Untersuchenden mit ihren persönlichen Erfahrungen inkludieren, wie z.B. Brenè Brown in dem folgenden Video (ca. 19 Minuten, ggf. Untertitel Deutsch einschalten).

Was gewinne ich für mich? Die Erforschung von mir selbst hat, wie bei der Aneignung von Wissen, den Effekt, dass ich mich kompetenter und sicherer fühle – allerdings direkter in Bezug auf mich selbst. Ich eigne mir meine natürlichen Ressourcen an, die ich bisher wenig genutzt habe. Meine Sicherheit gewinne ich zunehmend aus meiner bewusst erlebten Lernfähigkeit mit dem Leben umzugehen. Je mehr ich mir meine vielfältigen Emotionen erlaube, desto lebendiger fühle ich mich.

Außerdem erweitere ich mit meiner persönlichen Entwicklung meine Möglichkeiten des Austauschs. Das liegt daran, dass wir Menschen nicht nicht kommunizieren können. Ja das doppele „Nicht“ stimmt und stammt von Paul Watzlawick. Er setzte sich als Therapeut auch für seine Erfahrung ein, dass der Klient der Experte ist. Die Begegnung zwischen Therapeut und Klient auf Augenhöhe ermöglicht eine Verständigung der nachhaltigen Heilung durch gemeinsames Lernen.

Verständigung und Evolution

Ich erlebe, dass umso stärker das Machtgefälle in einer Beziehung ist, desto einseitiger verläuft die Kommunikation. Einseitige Kommunikation ist vergleichbar mit einer Schallplatte. Die Schallplatte lernt nicht dazu. Ähnlich ist es in Beziehungen mit Machtgefälle. Diese entstehen durch akzeptierte Rollen aber auch durch die Art der Kommunikation. Wenn eine Seite eine objektive Wahrheit für sich beansprucht, entzieht sie damit der anderen Seite die Macht. Eine bekennende subjektive Kommunikation ermöglicht mehrere Wahrheiten, die sich einigen.

Das kann auch bedeuten: „Wir sind uns einig, dass wir uns uneinig sind“. Verständigung zwischen Menschen, die ihre Subjektivität zum Ausdruck bringen, ist eine lebendige Erforschung des Lebendigen. Das Lebendige hilft sich gegenseitig. Verständigung basiert auf der persönlichen Erkenntnis, dass wir uns gegenseitig inspirieren und unterstützen. Unsere Beziehungen leben durch das WIE unserer Verständigung.

Dieses WIE für lebendige Verständigung betrifft auch politische, wirtschaftliche und andere gesellschaftliche Beziehungen. Wie kann eine Welt aussehen, in der wir lernen immer besser zu verstehen und verstanden zu werden? Ich glaube, dass unsere wachsenden Fähigkeiten des Austauschs die Voraussetzung für unsere eigene menschliche Evolution sind. Eine humane Evolution, die nicht gegen ……………….. kämpft, sondern lernend Unbekanntes integriert.

Kein Physiker, kein Biologe, Ökonom oder Chemiker ist mehr Experte für das menschliche und politische Miteinander als alle übrigen Staatsbürger.

Frank Breyer frei nach Hans-Peter Dürr, „Weil es ums Ganze geht“; 2012